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Inhaltsverzeichnis

Materialsammlung 2008/09

»Soll der Unterricht generell

um 9 Uhr beginnen?«




Impressum

Herausgeber: Gemeinnützige Hertie-Stiftung, Frankfurt am Main
Konzeption und Zusammenstellung: Ansgar Kemmann, Tim Wagner
Layout: echtweiß | Corporate Design, Heidelberg

© Gemeinnützige Hertie-Stiftung, Frankfurt am Main

Stand: August 2008

Begrüßung

Liebe Lehrerinnen und Lehrer, liebe Schülerinnen und Schüler,

in diesem Schuljahr widmen sich dem Thema »Soll der Unterricht generell um 9 Uhr beginnen?« drei Publikationen des Bundeswettbewerbs Jugend debattiert: das Heft Informationen für Schüler 2008/09 (Kap. 5, S. 9–16), die vierseitige Information Jugend debattiert Thema 2008/09 und die vorliegende Materialsammlung.

Die Frage nach dem Unterrichtsbeginn berührt den Tagesablauf der Schülerinnen und Schüler, der Lehrerinnen und Lehrer ebenso wie den der Eltern und Geschwister von schulpflichtigen Kindern. Zu dieser Frage kann vermutlich jeder schon ohne aufwendige Recherche etwas sagen. Zugleich zeigt das Thema aber auch, dass eine genaue Klärung, differenzierte Debatte und begründete Entscheidung nur auf der Basis von guter Sachkenntnis möglich sind.

Die vorliegende Materialsammlung soll die Möglichkeit bieten, die gezielte Suche nach Informationen zu üben. Sie enthält Antworten auf Sachfragen, Argumente und Quellen zur Streitfrage und zu verwandten Fragen. Die Texte wurden so ausgewählt, angeordnet und dargestellt, dass sie eine hinreichend breite Basis für die selbstständige Recherche bilden. Hinweise auf Informationen, die man in der Bibliothek oder im Internet findet, runden die Sammlung ab.

Viel Erfolg bei der Arbeit mit der Materialsammlung wünschen

Dr. Antje Becker Ansgar Kemmann / Kirsten Keppeler
Geschäftsführerin Projektleitung Jugend debattiert
Gemeinnützige Hertie-Stiftung Gemeinnützige Hertie-Stiftung

Hinweise zur Benutzung

Die vorliegende Materialsammlung soll die Vorbereitung auf Debatten unterstützen, selbstständiges Denken jedoch keinesfalls ersetzen. Der erste Hinweis zur Benutzung lautet daher: Man sollte zu Beginn herausfinden, was man selbst schon weiß. Bevor man auf die Gedanken anderer zurückgreift, ist es ratsam, den eigenen Stand zu notieren. Für diesen ersten Durchgang bieten sich die aus der Unterrichtsreihe von Jugend debattiert bekannten »Werkzeuge der Vorbereitung« an.

Erster Durchgang: Vorbereitung mit den »Werkzeugen«

Zunächst ist festzuhalten, worum es genau in der Streitfrage geht. Dazu zerlegt man die Streitfrage in Teilfragen, die auf die Bedeutung der einzelnen Bestandteile gerichtet sind, z.B. kann man fragen, was genau mit dem Ausdruck ‚Unterricht‘ gemeint ist.

Zweiter Durchgang: Arbeit mit der Materialsammlung

Dass der erste Durchgang auch Lücken im eigenen Wissenstand zu Tage treten lässt, ist kein Problem. Es geht ja gerade darum, auch Lücken zu ermitteln, um sie dann, im Zugriff auf externe Quellen, gezielt zu schließen.

Die Materialsammlung kann auf drei Ebenen zugänglich gemacht und benutzt werden – je nachdem, welche technischen Möglichkeiten zur Verfügung stehen:

Dritter Durchgang: Verknüpfung der Ergebnisse

Abschließend sind die Ergebnisse der Recherche mit den anfänglichen Notizen zu verknüpfen, teilweise dort ergänzend, wo Lücken zu schließen sind, sei es präzisierend, wo nur ungefähr Gewusstes nun genau gefasst werden kann.

Die sorgfältige Recherche erlaubt, sich sachkundig zum Thema zu äußern. Sie ermöglicht außerdem, besser zu verstehen, aus welcher Perspektive man zum Thema spricht, weil man in der Recherche auch anderen Perspektiven als Perspektiven begegnet ist. Um solches Verständnis zu befördern, ist der Abschnitt »Argumente Pro und Contra« nach Personengruppen geordnet.

Die Klärung der eigenen Perspektive rundet die Verknüpfung der Ergebnisse ab. Sie trägt dazu bei, in der Debatte Bodenhaftung zu behalten, angemessen zu formulieren und angemessen aufzutreten. (Es wirkt nämlich seltsam, wenn in Debatten zu einem Thema, das Jugendliche direkt berührt, gut informierte jugendliche Redner reden, als seien sie selbst außen stehende Experten, die sich nun einmal über »die Jugend« Gedanken machen).

Auf diese Weise eingesetzt, hilft die vorliegende Materialsammlung denen, die sie nutzen, an Sachkenntnis, Medienkompetenz und Überzeugungskraft zu gewinnen.

I. Fragen & Antworten

1. Unterrichtsbeginn

1.1 Wer bestimmt, wann der Unterricht in einer Schule beginnt?

„Die Schulkonferenz (teilweise auch Schulforum oder Gesamtkonferenz genannt) ist ein Mitwirkungs- bzw. Beschlussgremium an Schulen, in dem Eltern, Schüler und Lehrer vertreten sind. Ihre Einrichtung ist in Deutschland in den Schulgesetzen der Länder geregelt. Die Zusammensetzung und die Mitwirkungsrechte dieses Gremiums sind unterschiedlich ausgestaltet. In der Mindestzusammensetzung sind der Schulleiter, der Elternbeiratsvorsitzende, ein Lehrer sowie (bei weiterführenden Schulen) der Schülersprecher Mitglieder der Schulkonferenz. Je nach Größe der Schule sind die beteiligten Gruppen durch weitere Mitglieder vertreten, wobei Lehrkräfte, Eltern und Schüler entweder in gleicher Stärke repräsentiert sind oder aber eine stärkere Gewichtung auf Seiten der Lehrer oder der Eltern liegt. Oft obliegt dem Schulleiter der Vorsitz.“

„Entgegen anderslautenden Berichten legen die Schulkonferenzen vor Ort den Unterrichtsbeginn an den jeweiligen Schulen fest. Die Schulkonferenzen bestehen aus dem Schulleiter, vier Lehrervertretern, dem Vorsitzenden des Elternrats, drei weiteren Elternvertretern, dem Schülersprecher sowie drei weiteren Schülervertretern ab Klasse 7. Bei Grundschulen treten deshalb an die Stelle der Schülervertreter weitere Elternvertreter. Zudem wird bei einem Unterrichtsbeginn an Grundschulen vor 7:30 Uhr nicht entgegen gesetzlichen Vorgaben gehandelt, da es sich um eine ‚soll‘ – Bestimmung in der Schulordnung für Grundschulen handelt. Dort heißt es, dass der Unterricht zwischen 7:30 Uhr und 9:00 beginnen soll. Ebenso ist dort festgelegt, dass die Unterrichtszeiten von der Gesamtlehrerkonferenz im Einvernehmen mit der Schulkonferenz und dem Schulträger beschlossen werden.“

„Mich würde interessieren, wieviel ‚nullte‘ Stunden es für einen Schüler der 11./12. Klasse maximal geben kann? Unsere Sohn hat viermal nullte Stunde, am Mittwoch neun Stunden mit einer Freistunde und am Donnerstag nur drei Stunden. Ist diese Aufteilung gerechtfertigt? Oswald Bindrich

Antwort vom 02.10.2007:

Ich befürchte, ich kann Ihr Interesse nicht befriedigen. Dafür gibt es nämlich keine Vorgaben.

In § 13(2) der Schulordnung Gymnasien – SOGY – heißt es lediglich: ‚Der Vormittagsunterricht soll zwischen 7:00 und 9:00 Uhr beginnen. Die Unterrichtszeiten werden von der Gesamtlehrerkonferenz im Einvernehmen mit der Schulkonferenz und dem Schulträger beschlossen.‘

Wenn also die Schulkonferenz, der Schülervertreter, Elternvertreter und Lehrervertreter paritätisch angehören, damit einverstanden ist, kann (da hier ‚soll‘ steht) auch in Ausnahmefällen für einige Klassen der Unterricht an manchen Tagen schon vor dem allgemeinen Unterrichtsbeginn, selbst vor 7:00 Uhr, anfangen. Damit dürfte der von Ihnen bemängelte frühe Schulbeginn zu rechtfertigen sein.“

„(1) Der Unterricht soll nicht vor 7:30 Uhr beginnen, angestrebt werden soll ein Unterrichtsbeginn ab 8:00 Uhr. Der Unterricht kann ausnahmsweise ab 7:00 Uhr beginnen, wenn die Beschlüsse gemäß Absatz 2 Satz 2 vorliegen. Satz 1 und 2 gelten nicht für Einrichtungen des Zweiten Bildungsweges. Außer in den Jahrgangsstufen 1 bis 4 können einzelne Unterrichtsstunden vor dem allgemeinen Unterrichtsbeginn, jedoch nicht vor 7:00 Uhr, erteilt werden, wenn dies für die Schülerinnen und Schüler zumutbar sowie schulorganisatorisch notwendig und vertretbar ist.

(2) Über den täglichen allgemeinen Unterrichtsbeginn entscheidet die Schulkonferenz. Für eine Entscheidung über einen allgemeinen Unterrichtsbeginn vor 7:30 Uhr ist ein Beschluss der Schulkonferenz mit Zwei-Drittel-Mehrheit sowie zusätzlich die Zustimmung der Konferenz der Schülerinnen und Schüler mit Zwei-Drittel-Mehrheit erforderlich. Der Schulträger und der Träger der Schülerbeförderung sind zuvor anzuhören. Bei der Entscheidung über den allgemeinen Unterrichtsbeginn durch die Schulkonferenz und bei der Festlegung des Unterrichtsbeginns und des Unterrichtsendes in den Stundenplänen durch die Schulleitung sind insbesondere zu berücksichtigen

  1. die Länge der Schulwege,
  2. die örtlichen Verkehrsbedingungen,
  3. die Fahrzeiten des öffentlichen Personennahverkehrs oder die des freigestellten Schülerverkehrs sowie
  4. die Abstimmung mit anderen Schulen, die sich im gleichen oder im benachbarten Gebäude befinden oder durch gemeinsame Linien des öffentlichen Personennahverkehrs oder des freigestellten Schülerverkehrs bedient werden oder die aufgrund der Erweiterung des Unterrichtsangebotes für Schülerinnen und Schüler kooperieren.“

„Immerhin, es gibt mittlerweile gesetzlichen Spielraum in einigen Ländern. Schulen aus Niedersachsen, Thüringen, Baden-Württemberg, Hessen und Hamburg können selbst entscheiden, wann am Morgen losgeschult wird. Andere dagegen, Berlin zum Beispiel, setzen Grenzen: Zwischen 7:45 und 8:15 Uhr hat die erste Stunde in der Hauptstadt zu schlagen. Fortschrittliche Schulen nutzen den vom Kultus gesetzten Spielraum schnipsgummizerrend. Die Rosa-Luxemburg Oberschule in Berlin-Pankow hat im Schulprogramm schon den Willen zu Änderungen festgeschrieben: ‚Von vielen Lernpsychologen wird seit langem bemängelt, dass ein Unterrichtsbeginn um acht Uhr für die Kinder und Jugendlichen deutlich zu früh und selbst ein späterer Beginn von nur einer halben Stunde entlastend sei‘, steht da. Nun geht es erst um 8:20 Uhr los.“

1.2 Wie groß ist die Bandbreite des Unterrichtsbeginns an weiterführenden Schulen in Deutschland?

Grundschule am Park, Wulfen, Sachsen-Anhalt: 7:15 Uhr

Winckelmann-Gymnasium Seehausen, Sachsen-Anhalt: 7:15 Uhr

Friedrich-Schiller-Gymnasium, Marbach am Neckar: 7:30 Uhr

Grundschule Freital-Wurgwitz: 7:30 Uhr, Hort ab 6:00 Uhr.

Edith-Stein-Schule Erfurt: 7:30 Uhr

Technisch-Wissenschaftliches Gymnasium, Dillingen: 7:35 Uhr

Philipp-Melanchthon-Gymnasium, Schmalkalden: 7:45 Uhr

Bischöfliche Mädchenrealschule St.Ursula: 7:48 Uhr [sic !]

Richtsberg-Gesamtschule, Marburg: 8:05 Uhr

Moderne Schule Hamburg: 8:30 Uhr; Betreuung ab 7:00 Uhr – 18:00 Uhr (Ganztagsschule)

Frölenbergschule Bielefeld: 8:45 Uhr, Betreuung ab7:30 Uhr (Ganztagsschule)

Josefschule in Gütersloh-Spexart: 9:00 Uhr, Betreuung ab 7:30 Uhr (Ganztagsschule)

Kinderschule Bremen: 9:00 Uhr, Betreuung ab 8:00Uhr (Ganztagsschule)

1.3 Wann fängt der Unterricht / das allgemeine Arbeiten in anderen Ländern an?

1.4 Wo befinden sich Frühaufsteher-Regionen? Welche Berufsgruppen beginnen typischerweise früh/spät mit der Arbeit?

1.5 Wo gibt es in Deutschland Schulen, die jeden Tag mit dem Sportunterricht beginnen?

Reicht das Sportangebot an Schulen aus?
Schmidt: Nein. Wir haben früher alle den Fehler gemacht, zu glauben, dass zwei Stunden Sport in der Woche genug seien. Schüler sollten jeden Morgen eine halbe Stunde Sport haben. Das macht Kopf und Seele frei. Dann können sie sich besser konzentrieren. Studien zeigen, dass Kinder an Schulen, die jeden Morgen Sport anbieten, höhere Lernerfolge erzielen.“

Bericht in der Giessener Allgemeinen Zeitung (11.11.2006):

Schulleiter Egon Fritz wirbt für täglichen Sportunterricht und mehr Bewegung im Schulalltag; ‚Bewegte Pause‘ für alle: Der Pädagoge gibt an seiner Schule ein Beispiel, wie man verhältnismäßig und unbürokratisch – durch eine Erweiterung der Stundentafel oder Umstrukturierungen – mehr Bewegung in den Schulalltag integrieren kann. Täglicher Sportunterricht wird an der Mittelpunktschule Oberer Hüttenberg nach dem Motto ‚Wir machen es einfach‘ praktiziert. Der Stundenplan wurde dafür – zunächst ungenehmigt -  im ersten und zweiten Schuljahr von 21 auf 23 Stunden erhöht. Im aktuellen Schuljahr wurde das Angebot auf die dritten Klassen ausgedehnt, die vierten folgen. 2004/05 wurde dies vom Schulamt als Schulprojekt genehmigt und seit 2005/06 vom Sportwissenschaftlichen Institut der Universität Gießen wissenschaftlich begleitet. Die konkreten Ergebnisse dieser Untersuchung werden am kommenden Mittwoch in der Schule vorgestellt. Auch die ‚bewegte Pause‘ gehört für die 530 Schülerinnen und Schüler der Mittelpunktschule am Hüttenberg dazu. Mit bei einem Sponsorenlauf gesammelten Geldern wurde auf dem Schulhof eine Steinlandschaft installiert. Es gibt eine Kletterwand, Bolzmöglichkeiten, ein Basketballfeld und Bemalungen auf dem Schulhof. Auch eine Laufbahn soll wieder hergestellt werden. ‚Tägliche Bewegungszeit‘ ist ebenfalls vorgesehen und kann mit Rollern, Pedalos, Stelzen ausgefüllt werden. Jede Klasse verfügt über gut bestückte Spielkisten. Sogar die Bäume hat Schulleiter Fritz – auf eigene Verantwortung – bis zu einer mit rotem Band markierten Höhe zum Klettern freigegeben. Die Unterstützung des natürlichen Bewegungsdrangs der Kinder trägt

Früchte – soviel kann schon jetzt vor Veröffentlichung der Untersuchungsergebnisse festgehalten werden. Kaum einer der Grundschüler ist übergewichtig. Und wer sich in der Pause ordentlich ausgetobt hat, ist – so die Beobachtung der Lehrer – im Unterricht anschließend deutlich konzentrierter bei der Sache.“

Siehe auch:

„Es ist Freitagmorgen, 7:26 Uhr. Drei Kinder der Grundschule Josef im Paderborner Stadtteil Schloß Neuhaus stehen an der Haltestelle Dietrichstraße. Sie warten auf den Bus. Nicht auf irgendeinen Linienbus, sondern auf ihren schuleigenen ‚Walking Bus‘ (gehender Bus). Dann plötzlich sehen die Kinder am Horizont ein Meer von gelben Warnwesten und werden langsam ungeduldig. Nur noch die Haltestelle Krebsbach und der ‚Walking Bus‘ ist bei ihnen. Nachzügler, die es mit der Zeit nicht so genau nehmen, kommen noch schnell aus den Seitenstraßen gerannt. Schließlich ist der ‚Walking Bus‘ da. ‚Alle Mann halt!‘, heißt es von den beiden Eltern, die die Kindergruppe auf ihrer täglichen Tour zur Schule begleiten. Nach einigen Augenblicken setzt sich die fröhliche Gruppe wieder in Bewegung und steuert die nächste Haltestelle auf der gut zwei Kilometer langen Strecke an. (...)

Der ‚Frühaufsteher-Bus‘ beginnt seine Fahrt um 7:19 Uhr und der ‚Langschläfer-Bus‘ um 7:25 Uhr. So ist gewährleistet, dass alle Kinder pünktlich zum Unterricht erscheinen.

Neben der Pünktlichkeit steht auch die ausreichende Bewegung an der frischen Luft im Vordergrund des gemeinsamen Marschierens: ‚Viele Kinder werden von ihren Eltern mit dem Auto zur Schule gefahren, auch wenn der Weg weniger als einen Kilometer lang ist‘, berichtet Prof. Dr. Wolf-Dietrich Brettschneider, der in der sportwissenschaftlichen Abteilung der Universität Paderborn tätig ist. Da das Tagesprogramm vieler Grundschulkinder aus Fernsehen und Computerspielen besteht und die daraus resultierende Bewegungslosigkeit zu gefährlichem Übergewicht führen kann, rief Brettschneider im Rahmen eines Forschungsprojektes der Universität den ‚Walking Bus‘ ins Leben. Die Idee dafür stammt ursprünglich aus England, Brettschneider passte sie den deutschen Verhältnissen an. In Kooperation mit der Polizei Paderborn und AOK Westfalen-Lippe testete er das Projekt im Kreis Paderborn an der Grundschule Dahl. Nach dem Erfolg der einjährigen Testphase wurde dieses Konzept an weitere Grundschulen herangetragen und traf in der Grundschule Josef auf sofortige Zustimmung. Nachdem Konrektorin Margot Gau damit betraut wurde und sie die Eltern per Rundschreiben informiert hatte, wurde der ‚Walking Bus‘ bereits am 28. November 2005 eingeführt. Dass das Projekt aussichtsreich ist, macht die stetig wachsende Zahl der ‚Mitläufer‘ deutlich. Täglich treten 60 Kinder ihren Weg zur Schule an. Dabei wird viel gequatscht und sich das Neueste erzählt. Der Gesprächsbedarf ist dadurch im Unterricht gestillt und die Kinder sind aufnahme- und konzentrationsfähiger. ‚Das Ganze hat zwei Effekte. Zum einen kommen die Kinder morgens frisch in der Schule an, haben Sauerstoff getankt und sich mit ihren Mitschülern ausgequatscht. Zum anderen sind dadurch viel weniger Autos unterwegs‘, erklärt Brettschneider mit Blick auf die steigenden Unfallzahlen auf dem Schulweg.“

1.6 Wie wirkt es sich auf das Zeugnis aus, wenn jemand immer zu spät kommt?

„Wer die Schule schwänzt, unpünktlich ist oder auch eine allzu freche Klappe hat, der kriegt womöglich bald ein Problem. Zumindest wenn er seinen Schulabschluss in NRW ablegt. Denn dort stehen ab 2008 sechs Noten mehr im Zeugnis. Ganz oben am Kopf des Blattes sind sie angeführt, die ‚Kopfnoten‘. In den Siebzigern in der Bundesrepublik weitgehend abgeschafft, feiern sie nun ein Comeback.“

Am John-Lennon-Gymnasium in Berlin-Mitte muss man den Schulhof fegen, wenn man zu spät kommt:

„Siegfried Arnz, Referent für die Hauptschulen in der Senatsverwaltung für Bildung, hält es für möglich, die Unpünktlichkeit zu bekämpfen. Da er selbst jahrelang eine Hauptschule leitete, hat er auch selbst Erfahrungen mit dem Thema. Laut Arnz kann man das Problem auf drei Ebenen bekämpfen: Erstens müssten die Lehrer selbst pünktlich kommen, zweitens dürfe der Unterricht nicht langweilig sein und drittens müssten zusammen mit den Schülern Regeln aufgestellt werden. ‚Die Schüler selbst sagen, dass Pünktlichkeit wichtig ist‘, hat Arnz immer wieder festgestellt. Es falle ihnen nur schwer, diese Erkenntnis umzusetzen. Dabei helfen könne ein Versprechen an die Schulgemeinschaft, in dem sich die Schüler zu verschiedenen Verhaltensweisen wie etwa Pünktlichkeit verpflichten.

Außerdem fordert Arnz die Lehrer auf, das Zuspätkommen im Klassenbuch zu vermerken. Nur dann sei es möglich, es auch auf dem Zeugnis zu erwähnen. Viele Schulen machten von dieser Sanktion zu wenig Gebrauch.“

2. Chronobiologie

2.1 Wie entwickelt sich ein Schüler biorhythmisch im Laufe seiner Schulzeit?

Focus-online, Gesundheit, 16.07.2007:

„Kleine Kinder sind meist Lerchen – ebenso wie ältere Menschen: Ihre innere Uhr zwingt diese Frühtypen besonders zeitig aus dem Bett. Dafür gehen sie früher als andere schlafen. Jugendliche dagegen kommen morgens nur schwer aus den Federn und laufen abends und nachts zur Höchstform auf. Damit zählen sie zu den klassischen Spättypen oder Eulen. ‚Mitglieder derselben Familie sind zu bestimmten Tageszeiten so verschieden, dass sie sich gegenseitig wie aus einer anderen Welt vorkommen – jeder ist ein anderer Chronotyp‘, erläutert der Chronobiologe Till Roenneberg.“

Auszug aus einem Interview mit dem Neurobiologen Peter Spork im DeutschlandRadio, 31.08.2006:

Schlesinger: Man sagt ja, ältere Menschen brauchen weniger Schlaf und wachen auch früher auf. Ist das wirklich so, also wie verändert sich diese innere Uhr im Laufe unseres Lebens?

Spork: Ja, die innere Uhr im Laufe des Lebens habe ich ja vorhin schon mal angedeutet: Also kleine Kinder haben noch eine relativ schnell gehende innere Uhr, die schlafen relativ früh am Tag, haben auch ein wesentlich größeres Schlafbedürfnis, das ist ja bekannt. Und dann mit dem Ende der Adoleszenz, hat auch Herr Roenneberg in München festgestellt, schlägt – also die Uhr wird erstmal immer langsamer, man wird immer eulenhafter.

Und dann das Ende der Adoleszenz, also sozusagen der Moment des Erwachsen-Werdens, da schlägt die innere Uhr plötzlich um, das Tempo der inneren Uhr, und wir werden wieder immer lerchenhafter, das heißt, unsere Uhren werden immer schneller wieder bis ins hohe Alter. Und das beobachten ja viele bei sich selber, dass sie, wenn sie älter werden, morgens früher wach werden, früher aktiv sein können, dafür abends aber früher müde werden, also das wäre die Verschiebung der inneren Uhr. Das beeinflusst noch nicht so sehr das Schlafbedürfnis, das scheint von Altersveränderungen relativ unabhängig zu sein.

Es ist aber so, dass die innere Uhr im Laufe des Älterwerdens auch schwächer wird, und dass alte Menschen deshalb viel häufiger auch tagsüber schlafen oder auch abends zu Zeiten schlafen, wo man, wenn man jung war, gar nicht schlafen konnte, und auch nachts häufiger wach werden. Man sagt, der Schlaf wird fragmentierter, sie verteilen also den Gesamtschlaf, über 24 Stunden gesehen, auf mehrere Etappen, und deshalb haben sie oft das Gefühl, sie schlafen nachts weniger.“

2.2 Wie wirkt sich die Uhrzeit auf die Leistungsfähigkeit der Menschen aus?

Auszug aus einem Interview mit dem Neurobiologen Peter Spork im DeutschlandRadio, 31.08.2006:

Schlesinger: Herr Spork, woran liegt das eigentlich, dass die einen Frühaufsteher und die anderen eher Nachtmenschen sind, ist das irgendwie genetisch festgelegt?

Spork: Genau, das ist größtenteils genetisch festgelegt. Fast alle Lebewesen haben innere Uhren, bei uns selbst tickt eigentlich in jeder Körperzelle eine innere Uhr. Und die funktioniert so, dass einzelne Gene zu bestimmten Tageszeiten mehr oder weniger aktiv sind. Und die Gene erzeugen dann, also von den Genen werden ja Eiweiße abgelesen, und die hemmen zum Teil die Gene selber.

Es ist eine relativ komplexe Geschichte, es führt dazu, dass eine Schwingung auftaucht von mehr oder weniger aktiven Genen, an denen die Zelle dann die Tageszeit messen kann, an dieser Schwingung. Und da sind viele Gene daran beteiligt. Und diese Gene sind natürlich bei jedem Menschen nicht ganz gleich, das heißt, sie sind mal ein bisschen schneller, mal ein bisschen langsamer. Man kann das vergleichen mit großen und kleinen Menschen: Es gibt ganz viele Gene, die sagen, werde groß, und wenn jemand ganz viele dieser Gene bekommen hat, ist das ein Riese, und wenn er ganz viele kleine Gene, sage ich mal, abbekommen, wird er dann sehr klein. Die Masse der Menschen ist mittelgroß.

So ist es bei den Uhrengenen ganz genau so, die meisten Menschen haben mittelschnell gehende Uhren, einige haben aber extrem langsam, andere extrem schnell gehende innere Uhren. Und diese Uhren werden dann im Laufe des Tages durch das Tageslicht immer wieder mit dem echten Tag synchronisiert, so dass wir deshalb im Allgemeinen keine wirklichen Probleme damit haben. Die Probleme tauchen nur auf, wenn wir tatsächlich morgens zu früh wach werden, wenn die innere Uhr eben noch eigentlich auf Schlaf taktet oder wenn wir abends zu lange aufbleiben.“

Außerdem dazu:

2.3 Welche geschlechtsspezifischen Unterschiede gibt es bei der Unterscheidung zwischen Eulen und Lerchen?

3. Schulwege

3.1 Wie lang brauchen Schüler in Flächenländern um von zu Hause zur Schule zu kommen?

Extrembeispiel in Mecklenburg-Vorpommern:

ZEIT, 22.02.2007:

„Weil seine alte Schule schließen musste, ist Kevin Döbler jeden Tag mehr als zwei Stunden unterwegs. Zum Glück sitzt Yvonne nicht mehr im Bus. Sonst hätte der Fahrer außer in Friedrichshagen, Altwigshagen und Lübs auch noch in Eichhof halten müssen. Und der Schulweg wäre für Kevin noch einmal 20 Minuten länger geworden. Wegen einer einzigen Schülerin. Nach einem Schultag, der vor Sonnenaufgang beginnt und oft bei Sonnenuntergang endet, wird jede gesparte Minute zu einem kostbaren Geschenk für den 15-Jährigen.

6:25 Uhr. Das Thermometer in Rothemühl, einem 340-Seelen-Dorf in Mecklenburg-Vorpommern, zeigt minus 10 Grad. Kevin Döbler steht an der Bushaltestelle, schlank, zurückhaltend, mit einem einnehmenden Lächeln. Er und zwei weitere sogenannte Fahrschüler wollen in das Greifen-Gymnasium in Ueckermünde, 35 Kilometer von hier. Es ist Dienstag, einer von drei Tagen in der Woche, an denen Kevin neun Stunden Unterricht hat und erst gegen 17:30 Uhr nach Hause kommen wird.

Im Bus der Linie 905 strahlen Neonröhren von der Decke. Am wolkenlosen Himmel leuchten die Sterne. Kevin sitzt am Fenster und hört über Kopfhörer die Red Hot Chili Peppers; der Neuntklässler ist hellwach.

Bis zu zweieinhalb Stunden ist Kevin täglich im Bus unterwegs, 55 Stunden im Monat, knapp 500 im Jahr. Zeit, die ihm fehlt, um mit Freunden Fußball zu spielen, Rad zu fahren oder Hausaufgaben zu erledigen. Zeit, die er hätte, wenn es seine alte Schule in Torgelow noch geben würde. Aber aufgrund von Abwanderungen und niedriger Geburtenrate wurden in Mecklenburg-Vorpommern viele Schulen geschlossen. Das Kopernikus-Gymnasium in Torgelow wurde mit dem Albert-Schweitzer-Gymnasium zum heutigen Greifen-Gymnasium in Ueckermünde zusammengelegt. Damit gibt es nur noch drei Gymnasien im Landkreis Uecker-Randow. Vor sechs Jahren waren es noch fünf.“

4. Zeitkonzepte für den Unterricht

4.1 Was besagt das Konzept der „Verlässlichen Grundschule“?

„Mit der Verlässlichen Grundschule sind folgende pädagogische Implikationen verbunden:

„Die mit der Verlässlichen Grundschule beabsichtigte Konzentration des Grundschulunterrichts auf den Schulvormittag ist eine pädagogisch wünschenswerte wie notwendige Bedingung, um das Gefüge traditioneller Stundenpläne organischer auf die Bedürfnisse der Grundschulkinder abstimmen zu können. Dabei werden die bereits im Modellprogramm des ‚Schulanfangs auf neuen Wegen‘ erfolgreich erprobten Strukturen der pädagogischen Umgestaltung des Anfangsunterrichts aufgegriffen und weitergeführt.

Ziel der verlässlichen Grundschule ist es dabei, durch eine gleichmäßige Rhythmisierung des Schulvormittags für die Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer Rahmenbedingungen zu schaffen, einen deutlicher am kindlichen Lern- und Konzentrationsvermögen ausgerichteten und mit  einem Wechsel von Anspannungs- und Entspannungsphasen gestalteten Unterricht zu verwirklichen. Der rhythmisierte Schulvormittag ist somit der bestimmende Parameter der Stundenplangestaltung. Die bisherige Organisation des Stundenplans in Form einzelner Unterrichtsstunden soll durch drei möglichst gleich lange und gleichmäßig auf den Schulvormittag verteilte Unterrichtsblöcke ersetzt werden.

Der Unterricht der Grundschule beginnt zur 1. Unterrichtsstunde und kann in den Klassen des Anfangsunterrichts (Klassenstufen 1 und 2) spätestens ab der 2. Unterrichtsstunde einsetzen.

Ab Beginn der Klassenöffnung – 15 Minuten vor Unterrichtsbeginn – können sich die Kinder unter der Aufsicht von Lehrkräften auf den Unterricht einstimmen. Im Rahmen der Verlässlichen Grundschule wird der Unterricht durch  bedarfsorientierte Betreuungsangebote ergänzt : Frühbetreuung, Nachbetreuung, Betreuungsgürtel (Früh- und Nachbetreuung).“

4.2 Ganztagsschulen

Gebundene Ganztagsschule

„In der gebundenen Form der Ganztagsschule finden verpflichtender Unterricht und der außerunterrichtliche Bereich in Form von Freizeitangeboten, Fördermaßnahmen, Projektunterricht, Hobbykursen und Arbeitsgemeinschaften sowohl vormittags als auch nachmittags statt. Die Einteilung richtet sich nach dem Biorhythmus der Schüler, teilweise auch nach den Wünschen der Eltern. Es gibt ein obligatorisches Mittagessen. Die Schüler haben eine Präsenzpflicht von etwa 08:00 bis 16:15 Uhr. Die Hausaufgaben sind in das Konzept eingebunden, es gibt nur wenige zusätzliche Hausaufgaben in mündlicher Form.

Offene Ganztagsschule

Die offene Ganztagsschule kann sowohl als Halbtags- als auch als Ganztagsschule genutzt werden. Der verpflichtende Unterricht für alle findet nur am Vormittag statt. Das freiwillige Nachmittagsangebot umfasst Mittagessen, Hausaufgabenbetreuung, Fördermaßnahmen, Arbeitsgemeinschaften, Hobbykurse und Projektunterricht.

Schule und Hort/ Schule und Hort im räumlichen Verbund

Bei dieser Form haben die Kinder nach dem Unterricht die Möglichkeit, in der benachbarten Institution des Hortes bzw. im hausinternen Hort betreut zu werden. In Sekundarstufenschulen mit Hort werden nur Kinder bis zwölf Jahre betreut.

Vollständige Halbtagsschule

Diese Form ist nur an der Grundschule zu finden. Die Kinder haben aufgrund ihres Alters noch nicht an allen Vormittagsstunden Unterricht. In den unterrichtsfreien Zeiten finden zusätzliche Wahl- und Freizeitangebote statt, allerdings nur bis etwa 13:00 Uhr.

Erweiterte Halbtagsschule

In der Grundschule ist bei dieser Form eine Über-Mittag-Betreuung bis ca. 14:00 Uhr mit Freizeitangeboten eingeschlossen. In der Sekundarstufe I gibt es Kurs- und Unterstützungsangebote sowie eine Hausaufgabenbetreuung am Nachmittag, Freizeitangebote finden nur in Ansätzen statt, oft gibt es bei dieser Konzeption kein warmes Mittagessen.

Sekundarstufenschule mit offener Betreuungsmöglichkeit

Diese Schulen schließen ein Mittagessenangebot, Hausaufgabenbetreuung und einige Freizeitmöglichkeiten ein. Sie arbeiten oft in Verbindung mit kommunaler, gemeinnütziger oder freier Trägerschaft, somit werden zum Teil auch semiprofessionelle Kräfte zur Betreuung der Schüler herangezogen.

Tagesheimschule

Diese Form entspricht in weiten Teilen der Form der gebundenen Ganztagsschule. Allerdings ist das gemeinschaftliche Erleben der Freizeit noch bindender in den Tagesablauf eingeschlossen, die Schule hat somit einen noch erheblicheren Anteil an der Erziehung der Kinder und Jugendlichen, meist auf Wunsch der Eltern. Außerdem gibt es eine Betreuung über die verpflichtende Präsenzzeit hinaus, von ca. 07:30 bis 18:00 Uhr. Der Begriff ‚Tagesheimschule‘ ist allerdings in seiner Verwendung fließend und die Zuordnungskriterien somit relativ subjektiv. Der Begriff ist im Süden Deutschlands häufiger zu finden als im Norden.

Ganztagsschulzug an einer Halbtagsschule

Ganztagsklassen an einer Halbtagsschule entstanden ursprünglich aus einem finanziellen Engpass heraus, später aus dem Grund der Erweiterung des Bildungsangebots auch an vereinzelt gelegenen Schulen, es soll die Abwanderung von Schülern aus Betreuungsgründen verhindert werden. Weitere Vorteile dieser Form sind zum Beispiel die höhere Akzeptanz der Schule bei Eltern – sowohl bei Ganztagsschulgegnern als auch Befürwortern – oder die Neutralisierung von Grundsatzdebatten, beispielsweise um den Standort einer Ganztagsschule, die sonst oft emotional gefärbt sind. Nachteile dieser Form können zum Beispiel eine überproportionale Zunahme verhaltensauffälliger, betreuungsbedürftiger Schüler oder eine unzureichende Personalausstattung sein. Sowohl im Kollegium als auch in der Elternschaft kann Unmut bei Gegnern und Befürwortern der Ganztagsschule entstehen.“

„Ganztagsschule hat in den letzten Jahren in Deutschland deutlich an Akzeptanz gewonnen. Nicht zuletzt durch die alarmierenden PISA-Ergebnisse hat die Ganztagsschule im öffentlichen Bewusstsein mehr Aufmerksamkeit bekommen. Sie wird als große Chance für die Verbesserung der Bildungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen gesehen. Sie ist der Ort, an dem Schülerinnen und Schüler mit mehr Zeit, besseren Angeboten sowie durch unterschiedlichste Fachkräfte sinnvoller gefördert, gefordert und betreut werden können. Die Ganztagsschullandschaft in Deutschland bietet kein einheitliches Bild. Schulische Angelegenheiten werden ausschließlich von den einzelnen Bundesländern selbst geregelt. Dadurch gibt es ganz unterschiedliche Vorgaben für die Gestaltung von Ganztagsschulen. Hinzu kommen die unterschiedlichen Traditionen von Ost- und Westdeutschland. Das Schulsystem der DDR war beispielsweise flächendeckend auf ganztägige Betreuung von Kindern und Jugendlichen ausgerichtet. Dies wurde durch Unterricht am Vormittag, eine Mittagsmahlzeit, Unterricht bzw. Hortbetreuung am Nachmittag mit Erzieherinnen und Erziehern gewährleistet. Viele dieser Strukturansätze sind auch heute noch zu finden. In den alten Bundesländern gab es nur vereinzelt Schulen, die von jeher ganztägige Beschulung und/oder Betreuung für alle Schülerinnen und Schüler anboten und organisierten. Es waren vor allem Gesamtschulen und Internate.

Bereits 1973 hatte der Deutsche Bildungsrat empfohlen, den Anteil von Ganztagsschulen in Deutschland schrittweise auf bis zu 30% zu steigern. Dieser Vorschlag wurde von den Bundesländern nicht umgesetzt. Vielfach scheiterte die Umsetzung an den Finanzen, aber auch an der ablehnenden Haltung der Bildungspolitik; und das, obwohl sich die Nachfrage der Eltern nach Ganztagsplätzen auch Ende der 80er bis Mitte der 90er Jahre auf 20 bis 40 Prozent belief. Seit den 90er Jahren setzen einzelne Bundesländer, vor allem die neuen, weiter auf ein Betreuungsangebot im Hort, der morgens vor Unterrichtsbeginn und im Anschluss an die Unterrichtszeit bis in den späten Nachmittag für Schulkinder Spielzeiten, Lernangebote und Hausaufgabenbetreuung bietet – teilweise müssen Eltern hierfür bezahlen. Andere Bundesländer führen vor allem im Grundschulbereich eine gesicherte Schulzeit bis mittags (Schule mit festen Öffnungszeiten) oder eine erweiterte Schulzeit über die Mittagszeit hinaus (Über-Mittag-Betreuung) ein. In den meisten der westdeutschen Bundesländer entstanden auch in den weiterführenden Schulen vereinzelt schulische Ganztagsangebote am Nachmittag (Schule mit Betreuungsangebot) oder gebundene Ganztagsschulen, wie zum Beispiel die Gesamtschulen in NRW. In den ostdeutschen Bundesländern gibt es nach wie vor in allen Regionen Schulen mit eigenem Hort, der von Schülerinnen und Schülern besucht werden kann.

Die Situation im Ganztagsbereich wandelt sich seit einigen Jahren deutlich. Das liegt auch an der Unterstützung der Ganztagsschulprogramme der Länder durch das Investitionsprogramm des Bundes (IZBB) für den Ganztagsbereich. Deutschland gehört unter den Industrienationen nach wie vor zu den wenigen Ländern, in denen die tägliche Schulzeit für die meisten Grundschulkinder im Durchschnitt nicht einmal bis zum Mittag reicht. Die Akzeptanz für Ganztagsschulen in der Bildungspolitik und bei der Bevölkerung steigt in den letzten Jahren zusehends. 2004 waren laut einer Repräsentativumfrage des Instituts für Schulentwicklungsforschung 56% der befragten Bürger dafür, dass mehr Ganztagsschulen in Deutschland eingerichtet werden. Besonders im Grundschulbereich stimmten Eltern für den Ausbau des Ganztagsschulangebots, damit ihre Kinder möglichst frühzeitig eine gute, individuelle Förderung erhalten; aber auch, um eine ganztägige Betreuung zu ermöglichen. In Deutschland besuchten im Jahr 2004 mehr als 8,7 Mio. Schülerinnen und Schüler die allgemeinbildenden Schulen im Primarbereich und Sekundarbereich I (einschließlich Sonderschulen). Von ihnen nahmen immerhin fast 1,1 Mio. (12,5%) am Ganztagsschulbetrieb teil (KMK 2006). Die Zahlen steigen weiterhin und vielleicht wird in Deutschland schon in wenigen Jahren die flächendeckende Versorgung mit Ganztagsschulen selbstverständlich sein.“

4.3 Was bedeutet „Rhythmisierung“ des Schultags?

Die Rhythmisierung des Unterrichtstages ermöglicht kindgerechtes Lernen und Arbeiten.

Leben ist durchgängig rhythmisch und nicht etwa mechanisch-linear konstituiert. Der menschliche Körper unterliegt vielfältigen vorgegebenen rhythmischen Ordnungen. Dabei ist zu unterscheiden zwischen Rhythmen, die sich etwa auf die Jahreszeiten beziehen, und der Biokurve mit den über den Tag verteilten Leistungshöhepunkten und Tiefpunkten sowie dem ‚Eigenrhythmus‘, der sich im Biorhythmus und im persönlichen Tempo bei Menschen stark unterscheiden kann. Im Unterschied zu anderen Lebewesen kann sich der Mensch auf Umweltrhythmen einstellen (z.B. Schicht- und Nachtarbeit). Allerdings können Störungen im Rhythmengefüge Krankheiten hervorrufen. Eine Schule, die Kindern bis zu sechs oder sogar sieben Unterrichtsstunden am Vormittag zumutet, kämpft gegen den Biorhythmus des Menschen und fordert erheblich mehr Kraft. Schule sollte daher ihre Jahres-, Wochen- und Tagesplanung nach rhythmischen Gesichtspunkten überprüfen. Vor allem der Gesamtverlauf eines Tages sollte auf den Wechsel von Phasen der Anspannung und Erholung hin geplant werden.

Es scheint sinnvoll, zwischen dem ‚Takt‘ und der ‚Rhythmisierung‘ zu unterscheiden. Der Takt bezieht sich auf die schuleinheitlich festgelegte zeitliche Strukturierung. Im Schulkonzept wird z.B. die Dauer und Abfolge von Blöcken und Pausen festgelegt, wann die Schule öffnet und wann das gemeinsame Frühstück, das Mittagessen, jahrgangsübergreifendes Lernen und die Arbeitsgemeinschaften stattfinden. Mit ‚Rhythmisierung‘ ist die interne Lernstruktur innerhalb der vorgegebenen Unterrichtsblöcke gemeint, die jeweils von der agierenden Lehrkraft und den Kindern der Lerngruppe gesteuert wird. Sie findet auf zwei Ebenen statt: Auf der ersten Ebene, der äußeren Rhythmisierung, geht es um den Wechsel der Lehr- und Lernformen (z.B. zwischen Wochenplanunterricht, Stationenlernen und frontalem Lehrgang). Auf der zweiten Ebene, der inneren Rhythmisierung, geht es um den eigenen Rhythmus, den jeder Mensch hat, sowie um die Steuerung der Lernprozesse durch jedes einzelne Kind selbst (z.B. Lernstrategien entwickeln, Lernhilfen wahrnehmen, Kontakte zu anderen Kindern aufnehmen, Entspannungsphasen bewusst gestalten). Die innere Rhythmisierung findet quasi automatisch bei jedem Lernen statt. Wird sie Kindern bewusst und als Metakognition einsetzbar, sind positive Auswirkungen auf das Lernen zu erwarten.

Bedacht und geklärt werden sollte,

Bewährt hat sich,

5. Andere Maßnahmen gegen Müdigkeit im Unterricht

„Bayerns Kultusminister Siegfried Schneider (CSU) hat alle Lehrer dazu aufgerufen, während der Fußball-Europameisterschaft zumindest am Tag nach Spielen mit deutscher Beteiligung keine Klassenarbeiten schreiben zu lassen. Zuvor hatten bereits der bayerische sowie der baden-württembergische GEW-Landesverband dafür plädiert, Schüler während der am Samstag beginnenden EM teilweise von Klassenarbeiten zu befreien.“

Berliner Morgenpost 19.04.2006:

„So liegt es nahe, daß der Lehrer dem Schüler die Möglichkeit bieten sollte, sich nach Bedarf aus dem Unterrichtsgeschehen herauszunehmen. Beispielsweise durch Bereitstellung von Sicherheitsprodukten wie Ohrenschützer, die die nötige Ruhe beim Einschlafprozess während des Unterrichts gewährleisten. Der Schüler könnte sich etwa eigenverantwortlich an den schuleigenen Materialschränken bedienen, die über entsprechende Ausrüstung verfügen sollten. Er geht, ohne andere zu stören, wieder zu seinem Platz, führt sich die Ohrenstöpsel ein und setzt sich eine Schlafmaske auf die Augen mit der Aufschrift: ‚Bitte nicht stören‘. Danach folgt die Einnahme der individuellen Lieblingsposition auf oder unter dem Tisch, um den Schlafprozess einzuleiten. Diese Herangehensweise an solch alltägliche Probleme an den Schulen soll zeigen, wie fortschrittliche Lehrkräfte sich verhalten können. Denn nach einer kurzen Schlafphase bringt der Schüler effektivere Leistungen.“

6. Weiterführende Links

6.1 Schüler und die innere Uhr

Artikel in den Magazinen SPIESSER und Spiegel

Die Zeit, das Licht und der Rhythmus in jeder Körperzelle

Ein Königreich für eine Stunde mehr

School Schedules Rob Teens of Sleep

Müde Schüler – schlechte Noten? – Widerspricht der Schulbeginn um 7:30 dem Biorhythmus unserer Schüler? Chronobiologie und Pubertät

6.2 Schule / Ganztagsschule

Bundesministerium für Bildung und Forschung

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder

Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe e.V.

Bundeselternrat

Bundesschülerkonferenz

Deutscher Lehrerverband

Deutscher Philologenverband

Ganztagsschulverband GGT e.V.

Grundschulverband

Verband Bildung und Erziehung

Verband deutscher Realschullehrer

Begleitprogramm „Ideen für mehr! Ganztägig lernen“

Datenbank „Schule und Partner“

Ganztagsorganisation im Grundschulbereich

Lernen für den GanzTag

Lokale Bildungslandschaften in Kooperation von Ganztagsschule und Jugendhilfe

LUGS – Lernkultur und Unterrichtsentwicklung an Ganztagsschulen

Mukus – Studie zur musisch-kulturellen Bildung an Ganztagsschulen

StEG – Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen

StUBBS – Studie zur Entwicklung von Bewegung, Spiel und Sport in der Ganztagsschule

bildungplus

Deutsche Kinder- und Jugendstiftung

Deutscher Bildungsserver

Ganztagsschule Österreich

7. Weiterführende Literatur

7.1 Chronobiologie

Fauteck, Jan-Dirk / Kusztrich, Imre 2006: Leben mit der inneren Uhr. Wie die Chronobiologie unsere Gesellschaft beeinflusst. Berlin.

Hansen, Martha u. a. 2005: „The Impact of School Daily Schedule on Adolescent Sleep“, in: Pediatrics, Bd. 115, S. 1555, Juni 2005.

Perry, Susan / Dawson, Jim 1992: Chronobiologie. Die innere Uhr ihres Körpers. München.

Scheppach, Joseph 1996: Leben im Einklang mit der inneren Uhr, München.

Spork, Peter 2004: Das Uhrwerk der Natur. Chronobiologie – Leben mit der Zeit. Hamburg.

Roenneberg, Till u. a. 2003: „Life between clocks – daily temporal patterns of human chronotypes“, in: Journal of biological rhythms, S. 18, 80-90.

Wahlstrom, Kyla 2002: „Changing times: Findings from the first longitudinal study of later high school start times“, in: NASSP Bulletin, 86(633), S. 3-21.

Wolfson, Amy R. u. a. 2003. „Understanding adolescents sleep patterns and school performance. A critical appraisal“, in: Sleep medicine reviews, 7(6), S. 491-506

Wright, Karen 2007: „Zeit unseres Lebens“, in: Phänomen Zeit. Spektrum der Wissenschaft. Spezial Nr. 2007/01.

Zulley, Jürgen / Knab, Barbara 2003: Unsere innere Uhr, Freiburg.

Roenneberg, Till / Merrow, M. 1999: „Die innere Uhr“, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Heft B31/1999, S. 11-17.

7.2 Verlässliche Grundschule

Holtappels, Heinz Günther 2002: Die Halbtagsgrundschule. Lernkultur und Innovation in Hamburger Grundschulen. Weinheim und München.

Ramseger, Jörg u. a. 2004: Grundschulen entwickeln sich. Ergebnisse des Berliner Schulversuchs Verlässliche Halbtagsgrundschule. Münster.

Grundschule 5/2004: Verlässliche Grundschule gestalten.

7.3 Ganztagsschule

Appel, Stefan 2003: Handbuch Ganztagsschule. Schwalbach/ Ts. (3. A.).

Bundesministerium für Bildung und Forschung 2004: Zukunft Bildung und Betreuung. Startkonferenz zum Inverstitionsprogramm 8. und 9. September in Berlin. Berlin.

Beher, K. u.a. 2005: Offene Ganztagsschule im Primarbereich. Weinheim und München.

Burk, Karlheinz / Deckert-Peaceman, Heike (Hrsg.) 2006: Auf dem Weg zur Ganztags-Grundschule. Frankfurt/M.

Hansel, Toni (Hrsg.) 2005: Ganztagsschule. Halbe Sache – großer Wurf? Schulpädagogische Betrachtung eines bildungspolitischen Inverstitionsprogramms. Herbolzheim.

Hartnuß, Birger / Maykus, Stephan 2004: Kooperation Jugendhilfe und Schule. Berlin.

Höhmann, K. / Holtappels, H. G. (Hrsg.) 2006: Ganztagsschule gestalten. Seelze-Velber.

Höhmann, K. / Holtappels, H. G. / Kamski, I. / Schnetzer, T. 2005: Entwicklung und Organisation von Ganztagsschulen. Dortmund.

Holtappels, Heinz Günther 2005: „Schülerleistungen in unterschiedlichen Lernumwelten im Vergleich zweier Grundschulmodelle in Bremen“; in: Bos, Wilfried u.a. (Hrsg.): IGLU. Vertiefende Analysen zum Leseverständnis, Rahmenbedingungen und Zusatzstudien München, Berlin. S. 361–397.

Holtappels, H. G. / Klieme, E. / Rauschenbach, T. / Stecher, L. (Hrsg.) 2007: Ganztagsschule in Deutschland. Ergebnisse der Ausgangserhebung der „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“ (STEG). Weinheim und München.

Kahl, Reinhard 2004: Treibhäuser der Zukunft. Wie in Deutschland Schulen gelingen. Archiv der Zukunft. (3 DVDs und Dokumentation – Bezug online)

Knauer, Sabine / Durdel, Anja (Hrsg.) 2006: Die neue Ganztagsschule. Weinheim und Basel.

Ladenthin, Volker / Rekus, Jürgen (Hrsg.) 2005: Die Ganztagsschule. Alltag, Reform, Geschichte, Theorie. Weinheim und München.

Nordt, Gabriele 2005: Methodenkoffer zur Qualitätsentwicklung in Tageseinrichtungen für Schul- und Vorschulkinder. Weinheim und Basel.

Otto, Hans-Uwe / Coelen, Thomas (Hrsg.) 2004: Grundbegriffe der Ganztagsbildung. Wiesbaden.

Portmann, Rosemarie 2004: Modell Ganztagsschule. München.

Riegel, Enja 2004: Schule kann gelingen. Frankfurt/M.

Spies, Anke / Stecklina, Gerd (Hrsg.) 2005: Die Ganztagsschule. Band 1: Dimensionen und Reichweiten des Entwicklungsbedarfs. Bad Heilbrunn.

Spies, Anke / Stecklina, Gerd (Hrsg.) 2005: Die Ganztagsschule. Band 2: Keine Chance ohne Kooperation – Handlungsformen und institutionelle Bedingungen. Bad Heilbrunn.

Strätz, Rainer u.a. 2003: Qualität für Schulkinder in Tageseinrichtungen. Ein nationaler Kriterienkatalog. Weinheim und Basel.

Wahler, Peter / Preiß, Christine / Schaub, Günther 2005: Ganztagsangebote an Schulen. Erfahrungen – Probleme – Perspektiven. München.

Pädagogik 2/2004: Ganztagsschule.

Pädagogik 12/2005 Dem Lernen Zeit geben.

Grundschule 4/2005: Grundschule als Ganztagsgrundschule.

Grundschulverband aktuell 87/2004: Stundenschule oder Ganztag.

Grundschulunterricht 3/2006: Ganztagsschule – mehr als Unterrichtsschule.

Lernende Schule 35/2006: Ganztagsschule.

7.4 „Rhythmisierung“

Burk, K. u.a. 1998: Grundschule mit festen Öffnungszeiten. Weinheim und Basel.

Messner, Rudolf 1991: Die Rhythmisierung des Schultages. Erfahrungen und pädagogische Überlegungen zu einem dringlich gewordenen Problem. In: Kubina, Ch./Lambrecht, H.-J. (Hrsg.): Die Ganztagsschule, Bestandsaufnahme – Grundlegung – Perspektiven. Wiesbaden, S. 54-66.

Seydel, Otto 2001: „Verschenkte Zeit oder: Die Kunst des Anglers“, in: Zeitschrift Pädagogik, Heft 3/2001, S. 14–17.

Ganztags Schule Machen 1/2007: Rhythmisierung.

II. Argumente Pro & Contra

Pro – Wer hat sich dafür ausgesprochen?

Contra – Wer hat sich dagegen ausgesprochen?

(Henry Tesch, Kultusminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern, hat sich einem späteren Schulanfang gegenüber aufgeschlossen gezeigt.)

1. Pro-Argumente

1.1 Pro-Argumente der Politiker

1.2 Pro-Argumente der Schüler und Schülerinnen

Die im Jahr 2007 durchgeführte Forsa-Umfrage unter Schülern führt keine Gründe dafür an, warum die große Mehrheit der Schüler keinesfalls vor acht in der Schule sitzen möchten, einige Argumente liefert aber der Erfahrungsbericht des Schülers Max im Jugendmagazin ‚SPIESSER’ (das die Umfrage in Auftrag bei Forsa in Auftrag gab):

Fahrschüler müssen aufgrund der langen Fahrzeiten viel zu früh aufstehen: die frühmorgendliche Anreise (noch fast im Halbschlaf) im Bus ist für viele Fahrschüler eine Tortur: um morgens pünktlich in der Schule zu sein, muss Max jeden Morgen um 5:20 Uhr aufstehen.

1.3 Pro-Argumente der Wissenschaftler

2. Contra-Argumente

2.1 Contra-Argumente der Kultusminister

2.2 Contra-Argumente der Interessenverbände

III. Quellensammlung
zu den Pro- & Contra-Argumenten

1. Pro-Argumente

1.1 Aussagen der Politiker zum Thema

Spiegel 3/2006 vom 16.01.2006, S. 17:

„Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) fordert, in den Schulen eine „halbe oder ganze Stunde später“ mit dem Unterricht zu beginnen. Kinder würden häufig früher aus dem Haus gehen als ihre Eltern – während viele erst nach acht Uhr zur Arbeit müssen, beginnen Schulen und Kindergärten oft vorher. Kinder von Eltern, die früh raus müssen, sollen schon vor dem Unterricht in den Schulen betreut werden. „Es wäre besser, wenn wir die Unterrichtszeit an die Zeiten der Arbeitswelt anpassen würden“, so Oettinger. Dadurch würden der Familienzusammenhalt gestärkt und etwa ein gemeinsames Frühstück wieder möglich. (...)“

FOCUS-online am 16.01.2006, 10:06:

„Die CDU-Bundestagsabgeordnete Katherina Reiche, Mutter zweier kleiner Töchter, verwies darauf, dass ein späterer Schulbeginn mehr Zeit für Familien bringe. ‚Der spätere Beginn des Unterrichts am Tage bringt für Kinder und Eltern große Erleichterungen mit‘, sagte Reiche. Familie und Beruf könnten besser miteinander verbunden werden. Reiche unterstützt damit eine Initiative des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger (CDU), der sich für einen späteren Schulbeginn stark gemacht hatte. (...) Ende Januar wollen sich Bayern und Baden-Württemberg in einer gemeinsamen Kabinettssitzung des Themas annehmen. Widerstand wird nicht ausbleiben.“

Spiegel-online, Schulspiegel, 19.09.2007:

Günther Oettinger, Baden-Württembergs Ministerpräsident und sonst eher zaghafter Modernisierer, hat den späteren Schulbeginn schon 2006 gefordert – und damit eine Welle losgetreten. Prominente Wissenschaftler wie Alexander Blau und sein Regensburger Kollege Jürgen Zulley liefern die wissenschaftlichen Argumente – und manch ein Politiker schließt sich an: ‚Dass ein späterer Schulbeginn medizinisch und lernpsychologisch sinnvoll ist, belegen alle wissenschaftlichen Studien‘, sagt Ann Anders, bildungspolitische Sprecherin der Frankfurter Grünen. Die FDP in München beantragte eine Gesprächsrunde zum Thema ‚Schule um 9‘ im Münchner Stadtrat. Niedersachsens CDU-Fraktionsvorsitzender David McAllister forderte gleich eine Orientierung an den Anfangszeiten des britischen Schulsystems.“

1.2 Forsa-Umfrage bei Schülern / Gründe der Schüler

Forsa-Umfrage (September 2007)

Spiegel-online, Schulspiegel, 19.09.2007:

„Laut Blau spricht alles für den späteren Schulbeginn: ‚Frühestens acht Uhr, besser gegen neun Uhr sollte es mit dem Unterricht losgehen.’

Dass die Mehrheit der deutschen Schüler genau das fordert, belegt eine repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag des Jugendmagazins ‚SPIESSER‘: 93 Prozent der 14- bis 16-Jährigen sprechen sich gegen einen Schulbeginn vor acht Uhr aus, bei den 17- bis 19-Jährigen sind es immer noch 83 Prozent. Für den üblichen Schulstart gegen 7:30 Uhr sind dagegen nur fünf beziehungsweise neun Prozent.“

Erfahrungsbericht des Schülers Max:

Jugendmagazin „SPIESSER“, Ausgabe September 2007:

„Für Max, 17, ist Aufstehen Matratzensport, die erste und schwerste Übung des Tages. 5:20 Uhr in Waldorf, Nordrhein- Westfalen, Hinterwald um diese Zeit kräht hier kein Hahn. In labberigen Jeans schlurft Max in die Küche, das Kurzhaar steht, wie es soll, die Lider dagegen wollen anders. Beim Brotschmieren knurrt Max nur, mehr noch als sein Golden Retriever. Fiete springt bereits durch die Küche. Zum Bellen aber ist selbst er zu müde. Max Bruder kommt rein. Stumm studiert er die Zeitung. Sie ist von gestern. Der Zeitungsausträger war so früh noch nicht da, aber Waldorf liegt ja auch in der Eifel an der Grenze von NRW zu Rheinland-Pfalz. Hier sind die Wege länger als die Leitung von Max. Der kommt einfach nicht auf Trab. ‚Aufstehen ist hart. Aber in sieben Jahren Gymnasium habe ich mich daran gewöhnt‘, sagt er. An der Bushaltestelle stehen sieben andere, sie frieren stumm, komisch kalter Morgen. Der Schulbus kommt erst drei Straßenecken lang akustisch, dann optisch durchs Dorf, Max setzt sich in die vorletzte Reihe, lehnt sich mit dem Kopf ans Fenster und schaut raus. Fahrschüler nennen sie in der Eifel Max und die anderen im Bus, denn das sind die, deretwegen man sich in Deutschland gerade um einen späteren Schulbeginn zu zanken beginnt. Erste Politiker wagen sich vor und fordern, dass es später losgehen solle. Vor allem tun das aber die Schlafforscher. Denn das, was Max hier jeden Morgen erfahren muss, überfährt ihn. Unchristlich früh aufstehen, voll aus dem Tiefschlaf rasseln, in den Tag holpern. Eine Tortur, jeden Tag aufs Neue, eine Pennergeneration im Pendelverkehr. Mieser geht s nur dem Busfahrer. Der gibt allmählich gutes Tempo vor. Jedes Dorf macht den Bus ein wenig voller, kleine Mädchen tragen Haarklammer und Zopf, große Mädchen Nenafrisur und Pickel so viel man eben aus sich machen kann zwischen spätest möglicher Aufstehzeit und Bushaltestellensprint. Der Bus quält sich im zweiten Gang die Berge hoch, im Affenzahn zähneknirschend wieder runter, Serpentinen ordnen Mageninhalte neu. Max könnte jetzt Hausaufgaben machen. Aber wenn ich mir die eine Stunde später noch mal durchlese, sehe ich meist, dass ich morgens wirklich nichts auf die Reihe kriege , sagt er. Sein jugendlicher Schlafrhythmus rebelliert. In der ersten Schulstunde bin ich immer wahnsinnig müde. Dann geht es ein paar Stunden lang, und in der Fünften kommt der totale Durchhänger, da kann ich die Augen kaum noch offen halten. Nachmittags ist Max oft so platt, dass er sich zwei Stunden hinlegt. Und dann kann er abends wieder nicht einschlafen. Immer das gleiche falsche Spiel. Die moderne Gesellschaft schläft redlich spät und deutlich zu wenig. Eine Lösung?“

1.3 Pro-Argumente der Wissenschaftler

Schlafforscher Jürgen Zulley

FOCUS-online am 16.01.2006, 10:06:

„Lernpsychologen plädieren schon lange dafür, später am Tag mit dem Unterricht zu beginnen, weil dies dem Biorhythmus der Kinder besser entspreche. Die Leistungsfähigkeit der Schüler sei um 8 Uhr so schlecht wie um Mitternacht, berichtete der Regensburger Schlafforscher Jürgen Zulley. Da helfe es auch wenig, die Kinder früher ins Bett zu stecken. Ihre „innere Uhr“ lasse sich nicht beliebig verstellen. Zulley ist sich sicher: Für viele wäre es schon ein großer Gewinn, künftig erst um halb neun statt um acht Uhr den Unterricht zu beginnen.“

br-online, Auszug aus einem Bericht vom 28.03.2008:
Zitat von Schlafforscher Jürgen Zulley aus Regensburg

„Dort, wo es lange Anfahrtswege zur Schule gibt, müssen Kinder zum Teil bereits um 5:15 Uhr aufstehen. Das ist natürlich ein Extremwert, aber ich finde das Ganze wirklich absolut falsch, denn gerade Kinder brauchen ihren Schlaf. Im Schlaf wachsen sie und das Gelernte wird gefestigt. Wenn Kinder früher in die Schule gehen müssen als Erwachsene in ihre Arbeit, dann ist das falsch. Andere europäische Länder haben das längst berücksichtigt. Dort fängt die Schule traditionell später an. Bei uns stößt man da auf ein Tabu. Der Schulbeginn um acht Uhr ist selbstverständlich.“

Till Roenneberg, Professor am Institut für Medizinische Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Forschungsgebiet Chronobiologie:

Spiegel 23/2005 vom 6.06.2005, S. 145:

„Für einen späteren Schulbeginn setzen sich auch deutsche Wissenschaftler ein. Der Münchner Chronobiologe Till Roenneberg etwa hat herausgefunden, dass Jugendliche morgens einfach später in Schwung kommen als jüngere Kinder oder Erwachsene. ‚Unsere Schüler werden heute praktisch mitten in ihrer subjektiven Nacht unterrichtet‘, kritisiert Roenneberg.“

Meldung auf paedagogen.de (ohne Zeitangabe):

„Der Münchner Mediziner Professor Till Roenneberg vertritt die Ansicht, dass der frühe Schulbeginn in Deutschland negative Auswirkungen auf das Lernvermögen von Jugendlichen hat. Bei einem Schulbeginn um 8:00 Uhr oder früher wird, so Professor Roenneberg, das letzte Schlafviertel der Nacht durchbrochen. Diese Phase sei aber für das gedächtnisbedingte Lernen besonders wichtig. Im Laufe einer Schulwoche baue sich so ein Schlafdefizit auf, das zu einem ‚drastischen Einbruch‘ bei den Gedächtnisleistungen führe. Ein späterer Unterrichtsbeginn gegen 09:00 Uhr würde die Leistungsfähigkeit der Schüler im Unterricht wesentlich steigern. Dies gelte vor allem für Jugendliche in der Pubertät, bei denen sich die Schlafzeiten aus biologischen Gründen nach hinten verschieben. ‚Pubertierende werden später müde und später wach‘, so Roenneberg. Ein Schulbeginn um 09:00 Uhr oder frühestens 08:30 Uhr wäre für die Erfüllung des Schulauftrags von ‚großem Vorteil‘, sagte Roenneberg. Ein Schulbeginn noch vor 08:00 Uhr ist ‚schlicht unsinnig‘. Ein späterer Unterrichtsbeginn soll bei der Diskussion der Pisa-Studie berücksichtigt werden.“

Alexander Blau:

Spiegel-online, Schulspiegel, 19.09.2007:

„‚Schüler sind sogenannte Spättypen. Das heißt: spät ins Bett, spät raus‘, sagt Forscher Blau. Acht Stunden Schlaf müssen einfach drin sein, da sind sich Deutschlands Schlafforscher einig. Das geht aber nur, wenn der Schlaf in den Morgen hineinreicht. Alexander Blau: ‚Richtig gute Performance schaffen Jugendliche erst ab 11, 12 Uhr mittags. Dann erst sollte Mathe unterrichtet werden.‘ Der Schultag sollte stattdessen mit Leibesertüchtigung angegangen werden. ‚Wenn morgens um 7:30 Uhr eine Arbeit geschrieben wird, fällt die Note bei gleichem Wissensstand eher schlechter aus als mittags‘, sagt Blau – er ist selbst Frühaufsteher wider Willen. Um sieben Uhr steigt er morgens aus den Federn. Künftig wohl oder übel auch mal etwas eher: Seine Tochter ist gerade in die Schule gekommen. Ab sofort wird der Kampf gegen fiese Schulzeiten ein ganz persönlicher.“

Christoph Randler, Biologe aus Leipzig:

Interview, Spiegel-online, 15.08.2006:

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in einer Studie mit 200 Studenten herausgefunden, dass bekennende Frühaufsteher deutlich bessere Abiturzeugnisse erreichten als Langschläfer. Im Schnitt waren sie eine halbe Note besser. Wie erklären sie das?

Christoph Randler: Frühaufsteher sind nicht intelligenter. Sie hatten einfach Glück, in jenen Stunden des Tages herausgefordert zu werden, in denen sie munter waren. Der Stundenplan in der Schule passte zu ihrem natürlichen Biorhythmus. Die Langschläfer hingegen hatten ein Handicap. Unsere innere Uhr können wir auch mit Willen nicht austricksen: Manch einer ist um 7 Uhr morgens topfit, ein anderer sollte besser bis 10 Uhr schlafen. In der Wissenschaft werden seit längerem so genannte Schlaftypen unterschieden, die Lerchen und die Nachteulen.

SPIEGEL ONLINE: Kurz gesagt: Die Schule diskriminiert Langschläfer?

Randler: Der frühe Schulbeginn um 8 Uhr diskriminiert sogar eine Mehrheit der Schüler, insbesondere Jugendliche, die überwiegend Spättypen sind. Bei meiner zweiten Studie mit 3000 Schülern, die gerade noch ausgewertet wird, kristallisiert sich heraus, dass der Biorhythmus im Alter von 12 oder 13 Jahren richtiggehend umkippt. Vorher sind viele Jugendliche Frühtypen, mit der Hormonumstellung in der Pubertät mutieren sie plötzlich zu Nachteulen. Erst mit Anfang 20 differenzieren sich die Schlaftypen dann wieder aus – einige Eulen kehren zum frühen Aufstehen zurück, andere bleiben für immer bei ihrem Rhythmus aus der Teenagerzeit.

SPIEGEL ONLINE: Ist es möglich, in der Schulwoche aufgetürmte Schlafdefizite nachzuholen?

Randler: Früher hat man ja immer gesagt, Schlaf ist nicht aufzuholen. Trotzdem schlafen gerade Jugendliche am Wochenende viel und lange. Ihnen fehlen immerhin zwei bis drei Stunden Nachtruhe pro Arbeitstag. Neue Studien zeigen, dass dieser ‚Weekend-Oversleep‘ eine ausgleichende und erholende Wirkung hat. Eltern sollten ihre Kinder also nicht unbedingt zum frühen Familienfrühstück am Sonntag zwingen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie herausgefunden, wer eine geborene Lerche und wer eine Eule ist – und kann man das auch selbst überprüfen?

Randler: Wir haben die Schüler gefragt, wann sie bei freier Zeiteinteilung ins Bett gehen, also zum Beispiel im Urlaub. Der natürliche Schlafrhythmus stellt sich bei jungen Menschen schon nach etwa einer Woche ein. Wir wollten auch wissen, wann sich die Schüler fit fühlten, um welche Uhrzeit sie gern eine Klausur schreiben würden. Pauschal würde ich sagen, wer vor 7:30 Uhr aufsteht und dann gleich munter loslegt, ist eine Lerche. Bei Spättypen ist die Varianz größer, sie fühlen sich mit Weckzeiten zwischen 9 und 12 Uhr mittags wohl. Einen ausführlichen Test gibt es bei der Uni München, die schicken dann auch eine Auswertung.

SPIEGEL ONLINE: Aber selbst wenn eine Eule weiß, warum sie immer so müde ist, soll sie dann ihrem Lehrer oder Chef oder Lehrer sagen: Sorry, ich kann künftig erst gegen Mittag kommen?

Randler: Die Schule sollte wie in anderen Ländern erst um 9 Uhr anfangen. Ich fände es auch richtig, den eigenen Chronotyp bei der Berufswahl zu berücksichtigen. Wer Frühaufsteher ist, sollte nicht als Barmixer oder Schichtarbeiter anfangen. Und eine Nachteule natürlich nicht als Bäcker. Die meisten Menschen sind Normaltypen, mit Schlafzeiten von Mitternacht bis 8 Uhr morgens. Sie können ganz gut verkraften, wenn sie um 7 Uhr aufstehen müssen oder etwas später ins Bett gehen, als es ihrem natürlichen Bedürfnis entspricht. Doch wenn extreme Eulen oder Lerchen gegen ihre innere Uhr arbeiten, dann kann es zu Schlafstörungen und psychischen Problemen kommen.

SPIEGEL ONLINE: Was sagen die Kultusministerien zu ihren Ergebnissen?

Randler: Während internationale Fachzeitschriften sehr interessiert an meiner Analyse waren, haben sich die Bildungspolitiker bisher leider nicht sehr interessiert gezeigt. Schade, denn ich glaube, mit etwas mehr Schlaf könnten unsere Schüler besser werden.“

Studie der Nortwestern University in Evanston bei Chicago:

Hansen, Martha u. a. 2005: „The Impact of School Daily Schedule on Adolescent Sleep“, in: Pediatrics 115, S. 1555, Studie ist frei verfügbar im Netz:

FOCUS-online, 16.01.2006, 10:06:

„US-Forscher der Northwestern University in Evanston fanden heraus, dass junge Leute zwischen 13 und 22 Jahren mehr Schlaf brauchen, im Durchschnitt neun bis zehn Stunden pro Nacht. Ihr Drang, den Morgen durchzuschlafen, habe nichts mit Faulheit oder Ablehnung zu tun, sondern entspreche ihrem natürlichen Biorhythmus.“

Spiegel 23/2005 vom 6.06.2005, S. 145:

„Neue Argumente für Anhänger der Ganztagsschule liefert eine Studie, die diese Woche im Fachblatt ‚Pediatrics‘ erscheint. Danach sind Schüler nachmittags wesentlich leistungsfähiger als morgens. Der Unterrichtsbeginn gegen acht Uhr führt außerdem zu einem chronischen Schlafmangel der Heranwachsenden, fanden Forscher von der US-amerikanischen Northwestern University in Chicago heraus. Rund 60 High-School-Schüler führten über Monate ein detailliertes Schlaftagebuch. Zudem mussten sie zu verschiedenen Tageszeiten Tests ablegen, bei denen zum Beispiel ihre Reaktionsfähigkeit untersucht wurde. Ergebnis: Zu Schulzeiten schliefen die Jugendlichen rund zwei Stunden weniger als in den Ferien oder am Wochenende. Bei den Leistungstests nach elf Uhr schnitten alle Probanden besser ab als bei jenen, die am frühen Morgen stattfanden – zudem fühlten sie sich bei den früheren Prüfungen weniger fit und konnten sich schlechter auf die Aufgaben konzentrieren. ‚Der Stundenplan zwingt die Schüler, gerade dann akademische Leistungen zu erbringen, wenn sie dazu am wenigsten in der Lage sind‘, so Martha Hansen, eine der Autorinnen. Wenn sich schon der Schulbeginn nicht nach hinten verschieben lasse, fordern die Forscher, sollten wenigstens wichtige Klausuren nicht schon morgens um acht beginnen.“

Interview mit dem Neurobiologen Peter Spork im Deutschland-Radio
vom 31.08.2006:

2. Contra-Argumente

2.1 Contra-Argumente der Kultusminister

Spiegel-online, Schulspiegel, 19.09.2007:

„Obwohl viele wissen, dass die Schule später losgehen müsste: Die Politiker sperren sich. ‚SPIESSER‘ hat in allen Kultusministerien nachgefragt. Grundsätzlich habe sich ein Schulbesuch um 8 Uhr herum bewährt (Hessen), ein früher Start in den Tag gehöre in vielen Familien zum Alltag (Rheinland-Pfalz) und ein generell späterer Schulbeginn sei keine Lösung – kurzum: ‚Die Schulanfangszeiten haben sich für eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf bewährt‘ (Hamburg). Sachsen-Anhalts Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz hält ‚nicht viel von dieser Forderung, auch wenn ich grundsätzlich dafür Verständnis habe. Wenn man am Abend rechtzeitig ins Bett geht, kann man morgens um 6 Uhr bereits ausgeschlafen sein.‘ Sein Kollege Bernd Busemann aus Niedersachsen sieht die Sache ähnlich: ‚Der derzeitige Regelschulbeginn gegen acht Uhr hat sich über Jahrzehnte bewährt.“

Alexandra Dinges-Dierig, Bildungssenatorin Hamburg:

„Ein generell späterer Schulbeginn ist keine Lösung. So ist zu befürchten, dass die Schlafzeiten nur verschoben, nicht aber ausgeweitet würden. Wichtig ist eine stärkere Rhythmisierung von Unterrichts-, Frei- und Erholungszeiten in Schule und Elternhaus. Durch einen altersgerecht gestalteten Beginn des Schultages sehe ich gute Möglichkeiten, die Lernbereitschaft und -fähigkeit der Kinder zu wecken. Darüber hinaus haben sich unsere Schulanfangszeiten für eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf bewährt.“

Helmut Rau, Kultusminister Baden-Württemberg:

„Nach der Gesetzeslage haben die Schulen die Freiheit, den Schulbeginn theoretisch auf 9 Uhr zu setzen. Dafür ist aber die Zustimmung der Schulkonferenz notwendig. Zu bedenken ist, dass ein später Unterrichtsbeginn zu mehr Nachmittagsunterricht führen könnte – damit verbunden ist auch die entsprechende Infrastruktur, die ein warmes Mittagessen ermöglicht.“

Prof. Dr. Jan-Hendrik Olbertz, Kultusminister Sachsen-Anhalt:

„Ich halte, offen gestanden, nicht viel von dieser Forderung, auch wenn ich grundsätzlich dafür Verständnis habe. Je später die Schule beginnt, desto länger dehnt sich der Unterricht auf den Nachmittag aus. Dann bleibt neben der Schule und den Hausaufgaben kaum oder gar keine Zeit mehr für andere Aktivitäten. Wenn man am Abend rechtzeitig ins Bett geht, kann man morgens um 6 Uhr bereits ausgeschlafen sein.“

Bernd Busemann, Kultusminister Niedersachsen:

„Bei der Frage des täglichen Schulbeginns sind neben den Ergebnissen der Schlafforschung weitere Aspekte zu berücksichtigen: Verschiebung des Unterrichts in den Nachmittag, Mittagsverpflegung, Arbeitszeiten der Eltern usw. Der derzeitige Regelschulbeginn gegen 8 Uhr hat sich über Jahrzehnte bewährt und ist mit den Rahmenbedingungen von Schule gut zu vereinbaren.“

Henry Tesch, Kultusminister Mecklenburg-Vorpommern:

„Ich stehe einem späteren Schulanfang durchaus aufgeschlossen gegenüber. Mit Blick auf den Ausbau von Ganztagsangeboten und mehr Selbstständigkeit an den Schulen kann ich mir gut vorstellen, dass in der Zukunft Schulen in Eigenregie auch einen späteren Schulstart festlegen können.“

Barbara Sommer, Schulministerin Nordrhein-Westfalen:

„Schulen berichten uns, dass häufig ein früherer Unterrichtsbeginn gewünscht wird, weil sich in vielen Familien Kinderbetreuung und Beruf nur so vereinbaren lassen. Außerdem sind der individuelle Lebensrhythmus der Familie, die Zeit, die ein Kind vom Aufstehen bis zum Eintreffen in der Schule benötigt oder die Abstimmung mit dem öffentlichen Nahverkehr zu berücksichtigen. Wegen dieser vielen Faktoren ist der Schulbeginn immer eine Abwägung verschiedener Interessen aller Beteiligten und kann nur von jeder Schule vor Ort beantwortet werden. Wir haben in Nordrhein-Westfalen den Schulen freigestellt, den Unterricht in der Zeit zwischen 7:30 und 8:30 Uhr beginnen zu lassen.“

Karin Wolff, ehemalige Kultusministerin Hessen:

„Das Land Hessen hat keine festen Vorgaben bezüglich der Schulanfangszeiten. Nicht das Kultusministerium, sondern die Schulen selbst entscheiden in eigener Verantwortung und in Absprache mit den Verkehrsträgern über die lokalen Schulstartzeiten. Grundsätzlich hat sich aber ein Schulbesuch um 8 Uhr herum bewährt.“

2.2 Contra-Argumente der Vertreter verschiedener Interessenverbände

Josef Kraus, Verbandschef des Deutschen Lehrerverbands:

FOCUS-online am 16.01.2006, 10:06:

„Josef Kraus, Verbandschef des Deutschen Lehrerverbands, hält Oettingers Vorschlag für ‚wenig durchdacht‘. Der Unterricht würde noch weiter in den Nachmittag rücken. Viele Eltern hätten gleitende Arbeitszeiten und könnten mit dem frühen Unterricht deshalb gut leben.

(...)

Kraus vom Lehrerverband sieht das anders: ‚Wenn Elfjährige noch um 22 Uhr vor dem Computer hocken, braucht sich niemand zu wundern, wenn sie morgens nicht aus dem Bett kommen.‘“

Pressemeldung des Deutschen Lehrerverbandes vom 16.01.2006:

„Dieser Vorschlag ist nicht zu Ende gedacht. Er wäre nur umsetzbar, wenn die Schulträger deutschlandweit mindestens 30 Milliarden Euro für schulische Mittagsbetreuung investierten. So viel Geld kostet es nämlich, alle Schulen zur mittäglichen Essensausgabe zu befähigen; letztere wäre an 42.000 deutschen Schulen notwendig, denn ein am Morgen um eine Stunde verzögerter Unterrichtsbeginn verlängert den Schultag der Kinder um zwei Stunden in den Nachmittag hinein – es sei denn, man macht ohne Mittagessen durch. Was darüber hinaus mit den Schülern geschehen soll, die an einem G8-Gymnasium oder an einer berufsbildenden Schule ohnehin schon jede Menge Nachmittagsunterricht haben, scheint Oettinger ebenfalls nicht zu interessieren. Ansonsten ist es naive Familienromantik, wenn Oettinger glaubt, mit einem späteren Schulbeginn würden mehr Eltern als zuvor mit ihren Kindern frühstücken. Nein, die Zahl der Eltern, die ihre Kinder mit nichts als Cola im Bauch in die Schule schicken, wird sich nicht verringern. Im Übrigen gibt es genug Eltern, die sich selbst um 6 oder 7 Uhr auf den Weg zur Arbeit machen müssen und deshalb ihre Kinder gerne ab 7 Uhr auf dem Schulweg wissen. Wahrscheinlich aber ist sich der Stuttgarter Regierungschef seines Vorschlages selbst nicht so sicher, sonst würde er nicht die Schlafforschung für seinen Vorstoß bemühen. Allerdings sollte man angesichts einzelner am Morgen gähnender Schülergesichter doch auch die Frage stellen dürfen, ob diese Kinder von ihren Eltern rechtzeitig ins Bett geschickt wurden. In Ostasien und in Osteuropa kennt man Herrn Oettingers Sorgen nicht, dort schüttelt man über uns den Kopf, denn dort sind die jungen Leute geistig hungrig; sie haben kein Problem, sich am sehr frühen Morgen auf das Fahrrad zu setzen, um eine Stunde in die Schule zu radeln. Nur wir kerkern unsere Kinder in einen Elfenbeinturm ein und packen sie obendrein in Watte. Damit bereiten wir die jungen Leute nicht auf den Alltag und auf die Globalisierung vor. Allerdings brauchen wir uns bei so viel Wohlfühlpädagogik auch nicht zu wundern, wenn wir eines Tages in der zweiten Liga spielen und der Osten in der ersten.“

Ludwig Eckinger, Verband Bildung und Erziehung

Pressemeldung des Verbands Bildung und Erziehung vom 17.01.2006:

„‚Der Vorschlag des baden-württembergischen Ministerpräsidenten stammt aus dem Wolkenkuckucksheim‘, erklärte heute der Bundesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) Ludwig Eckinger gegenüber N 24. Ein späterer Unterrichtsbeginn ginge an der Realität der Arbeitswelt und damit an der Realität vieler Familien vorbei, meinte Eckinger. Gerade der ausgeprägte Wunsch von Eltern nach Ganztagsschulen und vollen Halbtagsgrundschulen zeige, wie wichtig es sei, Schulen bereits früh zu öffnen, damit die Kinder und Jugendlichen sich nicht selbst überlassen blieben. Zugleich bezeichnete Eckinger Argumente von Lernpsychologen als ‚Pauschalurteile‘, wonach das Lernen am späteren Vormittag erfolgreicher sein würde. Vielmehr sei es klar, dass Kinder in der Schule erfolgreicher lernen könnten, wenn sie ausgeschlafen und mit einem Frühstück im Magen in die Schule kämen. Wollte man eine ernsthafte Diskussion über einen späteren Unterrichtsbeginn führen, so der VBE-Bundesvorsitzende, müsste man diskutieren, wie dann Schulorganisation und Pädagogik in Einklang gebracht werden könnten.“

Peter Meidinger, Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes:

Pressemeldung des DPhV vom 16.01.2006:

„Als wenig durchdacht und derzeit unpraktikabel hat der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, die Forderung des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Oettinger nach einem späteren Schulbeginn bezeichnet. ‚Wer einen späteren Schulbeginn fordert, muss wissen, dass dies auch ein späteres Schulende bedeutet. In der Praxis heißt das, dass sich der Pflichtunterricht dann auch an Grund-, Haupt- und Realschulen in den Nachmittag hinein erstrecken wird. Dafür fehlen an den meisten unserer Schulen jegliche Voraussetzungen wie Mittagsversorgung und Mittagsbetreuung.‘, betonte der DPhV-Vorsitzende. Vielen Eltern sei es auch lieber, die Kinder kämen mittags nach Hause. Bei einem späteren Schulbeginn sei dies nicht mehr möglich. Meidinger verwies darauf, dass die Große Koalition eine Weiterführung des Ganztagsschul-Bauprogramms der früheren Bundesregierung abgelehnt habe. ‚Wer einen späteren Schulbeginn wie in Frankreich oder den Vereinigten Staaten in Deutschland haben will, muss auch wie diese Länder zumindest zum Teil auf Ganztagsschulbetrieb umstellen. Das eine zu fordern und die Finanzierung des anderen zu verweigern, ist nicht nur widersprüchlich, sondern auch unehrlich‘, fügte der Philologenchef an. Im Übrigen bezweifelte er, dass Schulbeginnszeiten und Arbeitsbeginn der Eltern weit auseinander klafften. Oft sei es für berufstätige Eltern auch wichtig, vor dem eigenen Arbeitsbeginn die Kinder in die Schule zu bringen. Meidinger wies darauf hin, dass der Unterrichtsbeginn in den meisten Bundesländern nicht exakt festgelegt sei. Schulen könnten vielfach selbst entscheiden, ob sie aus bestimmten Gründen von dem üblichen 8-Uhr-Zeitpunkt abweichen. Im Sinne einer stärkeren Eigenverantwortlichkeit von Schule sei dies auch vernünftig.“

Zeitschrift „Profil“ 01-02/2006:

„(...) Die vom baden-württembergischen Ministerpräsidenten Oettinger mit Unterstützung der vereinigten deutschen Schlafforscher angestoßene Debatte um einen späteren Schulbeginn gehört in die Kategorie der Alibi- und Scheindiskussionen. Sie ist eine Scheindiskussion, weil ihre Umsetzung letztendlich die Einführung einer generellen Ganztagsschule bedeuten würde, die derzeit kein Bundesland zu finanzieren bereit ist. Sie ist eine Alibiauseinandersetzung, weil sie den Anschein erweckt, das Familienleben fördern zu wollen, ohne dies wirklich zu tun. Sie ist schließlich auch völlig überflüssig, weil in fast allen Bundesländern bereits jetzt für die einzelnen Schulen die Möglichkeit besteht, beim Unterrichtsbeginn von der 8-Uhr-Marke in einer gewissen Bandbreite abzuweichen.

Ob im Übrigen das morgendliche Gähnen mancher Schüler auf die mangelnde Anpassung der Schule an den Biorhythmus oder vielmehr auf zu spätes Ins-Bett-Gehen zurückzuführen ist, wäre eine von der Schlafforschung noch zu erörternde Frage. Dem Einwand eines Wissenschaftlers, um acht Uhr habe ein Jugendlicher eine Aufnahmebereitschaft wie gegen Mitternacht, hat jüngst einer meiner Oberstufenschüler entgegnet, gerade da habe er seine Leistungsspitze. Nun denn, wie dem auch sei: Oettinger hat Sandmännchen gespielt, er wollte den Kindern mehr Schlaf und den Familien mehr gemeinsam Zeit beim Frühstück ermöglichen. In Wirklichkeit hat er uns allen nur Sand in die Augen gestreut.“